Die vier Ebenen der Persönlichkeit nach Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth

Wie wir denken, fühlen und handeln ist zunächst einmal das Ergebnis vieler gleichzeitig oder aufeinander folgender Aktivitäten in den unterschiedlichsten Gehirnarealen, die zusammen ein sehr komplexes Netzwerk ergeben (funktionelle Multi-Zentralität). Dabei kann es durchaus vorkommen, dass sich funktionelle Abläufe in bestimmten Arealen mit den Abläufen anderer Areale überlappen. Dies führt dazu, dass bei komplexen Funktionen, wie z.B. der Grad unserer Aufmerksamkeit oder das Entstehen von Gefühlen, sich bestimmte Areale gegenseitig unterstützen oder sogar ersetzen.

Mit anderen Worten: Unser Gehirn kann bestimmte Aufgaben auf unterschiedliche Weisen ausführen! Und diese Tatsache wiederum ist die Grundlage für die Veränderbarkeit unseres Gehirns (funktionelle Plastizität).

Auch die Bildung und die Veränderbarkeit unserer Persönlichkeit unterliegt diesen Zusammenhängen, weswegen auch unsere Persönlichkeit ein Ergebnis ist, an dem unser gesamtes Gehirn beteiligt ist.

Wo aber sind nun in unserem Gehirn die einzelnen Komponenten unserer Persönlichkeit angesiedelt?

Im Wesentlichen werden vier funktionelle Ebenen unterschieden. Diese vier Ebenen wollen wir nun einmal näher betrachten.

 

Vier Ebenen Modell

1. Die Ebene der vegetativen-affektiven Steuerung

Sie ist die unterste Ebene und sichert unser Überleben. Sie kontrolliert den Stoffwechsel, regelt Kreislauf und Körpertemperatur, steuert unser Verdauungs- und Hormonsystem, kontrolliert unseren Wach-/Schlafrhythmus und die damit verbundenen Bewusstseinszustände. Außerdem werden hier unsere affektiven Verhaltensweisen wie Angriffs- und Verteidigungsverhalten als auch unsere affektiven Empfindungen wie Wut oder Hass gesteuert.

Diese vegetativ-affektive Ebene entsteht von allen vier Ebenen am frühsten, denn sie entwickelt sich bereits vorgeburtlich ab der 7. Schwangerschaftswoche und spiegelt sich im Wesentlichen in der limbischen Grundachse wieder, also vornehmlich dem Hypothalamus, der Hypophyse (Hirnanhangdrüse), der zentralen Amygdala, in Teilen des basalen Vorderhirns und den vegetativen Zentren des Hirnstamms.

Die auf dieser Ebene stattfindenden Antriebe und Affektzustände sind unser stammesgeschichtliches Erbe und sind weitgehend genetisch vorgegeben und machen in ihrer individuellen Ausprägung unser Temperament und unsere grundlegende Triebstruktur aus.

 

2. Die Ebene der emotionalen Konditionierung

Die Ebene der emotionalen Konditionierung ist über der vegetativen-affektiven Ebene angesiedelt. Sie spiegelt sich vor allem durch die Amygdala und durch das mesolimbische System wieder.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Amygdala ist es Signale aus der Umwelt (unsere 5 Sinne) und unserem Körper erfahrungsbedingt zu bewerten und dadurch z.B. Gefühle wie Angst, Wut oder Überraschung entstehen zu lassen. Dies geschieht, indem sie eingehende Signale nach den Kriterien „gut“ oder „schlecht“ und „positiv“ oder „negativ“ bewertet und dann mit den entsprechenden Gefühlen fest verbindet.

Neben der Amygdala ist das mesolimbische System ein wesentlicher Bestandteil auf der Ebene der emotionalen Konditionierung. Das mesolimbische System erzeugt einerseits Lustgefühle und teilt uns darüber mit, ob uns etwas Freude oder Spaß bereitet. In dieser Eigenschaft stellt das mesolimbische System das Belohnungssystem unseres Gehirns dar.

Andererseits ist das mesolimbische System ein wichtiger Teil unseres Motivationssystems, also unserer Belohnungseinschätzung und unserer Belohnungserwartung.

Dieser Teil unserer Persönlichkeit entsteht durch genetische Vorgaben, durch vorgeburtliche Prägung und durch frühkindliche psychosoziale Erfahrungen und bleibt ein Leben lang egoistisch-egozentrisch. Er ist das Kleinkind in uns und stellt immer folgende Fragen: Was bringt mir das? Was nützt mir das?

Beide Ebenen zusammen, also die Ebene der vegetativen-affektiven Steuerung und die Ebene der emotionalen Konditionierung, sind die unbewussten Teile unserer Persönlichkeit. Die hier gespeicherten Werte und Erfahrungen können also nicht bewusst (sprachlich) wiedergegeben werden

 

3. Die Ebene der limbischen Großhirnrinde

Über der vegetativ-affektiven Ebene und der Ebene der emotionalen Konditionierung liegt die Ebene der limbischen Großhirnrinde, speziell die Areale der stammesgeschichtlich älteren limbischen Anteile der Großhirnrinde. Auf dieser Ebene geht es schwerpunktmäßig um Sozialverhalten, Aufmerksamkeitssteuerung, Risikoeinschätzung und um das bewusste Gefühlsleben. Hier erlernen wir Fähigkeiten, die uns die Anpassung an natürliche und gesellschaftliche Einflüsse ermöglichen. Wir lernen mit Kompromissen umzugehen, Durststrecken durchzustehen, Belohnungen einzuschätzen u.v.m. Diese Ebene entsteht zum Teil erst sehr spät und zieht sich von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter hin. Im Hinblick auf die Möglichkeiten der Verhaltensänderung ist diese Ebene sehr wichtig, denn sie ist der entscheidende Einflussort bei der Erziehung und sie ist die Grundlage für Empathie, also Einfühlungsvermögen.

4. Die Ebene der kognitiv-kommunikativen Funktionen

Über den bisher angesprochenen limbischen Ebenen steht als viertes die Ebene der kognitiv-kommunikativen Funktionen. Diese Ebene umfasst den präfrontalen Cortex als Sitz des Arbeitsgedächtnisses, des Verstandes und der Intelligenz. Und sie umfasst unsere Sprachzentren, also das Wernicke-Areal im linken oberen Temporallappen, wo einfache Wortbedeutungen, einfache Sätze und einfache Satzstrukturen gebildet werden und das Broca-Areal, wo alle Wort- und Satzbedeutungen, die sich aus Grammatik und Satzstellung (Syntax) ergeben, gebildet werden. Die Ebene der kognitiv-kommunikativen Funktionen hat am wenigsten mit unserer Persönlichkeitsbildung und unserer Handlungssteuerung zu tun. Dies erkennen wir auch daran, dass Reden oft nur wenig mit Fühlen und Handeln zu tun hat. Sie entsteht in den späten Phasen der vorgeburtlichen Entwicklung und reicht bis ins Erwachsenenalter hinein. Lassen Sie uns daher im Folgenden darüber sprechen, welche Erkenntnisse wir daraus ziehen können und welche Konsequenzen dies für unsere Persönlichkeitsbildung hat.

Quelle:

Die Kunst der Verhaltensänderung – Warum es so schwer ist, sich und andere zu verändern.

Quartalsmeeting 4 / 2009, Akademie für neurowissenschaftliches Bildungsmanagement, AFNB

in Kooperation mit Matthias Reithmann, Master of cognitive Neuroscience, www.querhandeln.de

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